Flussdiagramm: Alternativer Prozess:   Lernen  Ohne  Angst    e.V.

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Die Berliner Stadtmusikanten

 

Es war einmal ein munterer kleiner Junge, den alle Kinder „Anton Der Sausewind“ nannten . Er war so lebhaft, dass er nicht stundenlang auf harten Stühlchen in muffigen Klassenzimmern stillsitzen konnte, um langweiligen Unterricht über sich ergehen lassen. Deshalb wurde er oft  ausgeschimpft und bekam viele leuchtend rote Einträge ins Hausaufgabenheft.  Eines Tages beschloss ein müder, alter Mann in einem weißen Kittel, dass der Junge ab Morgen 3 x täglich kleine runde Tabletten schlucken solle, von denen man ganz ruhig wird. Das machte dem Jungen und seinen Eltern große Angst und so beschloss man, ins Land der Elche  zu ziehen, denn dort sollte es Schulen geben, an denen alle Kinder gut lernen können.

 

 „Etwas Besseres, als dieses Elend finden wir überall!“ sprachen sie und machten sich gleich am nächsten Tag auf den Weg.

 

Als sie sich von den Nachbarn verabschieden wollten, staunten diese sehr. Die kleine Lisa Rächt-Schraibung  von nebenan weinte bitterlich, als sie von Antons Plänen hörte. Lisa mochte den Anton sehr und die Schule war auch für sie eine Qual. Jeden Tag wurde sie von den anderen Kindern gehänselt und ausgelacht, weil sie ganz anders schrieb als sie und nicht so gut lesen konnte. Lisa gab sich große Mühe, doch die Lehrer schimpften viel und laut mit ihr,  gaben ihr Extra-Stunden, die Lisa überhaupt nicht halfen und sie nur noch trauriger machten.  Lisa bekam in vielen Fächern schlechte Zensuren, obwohl sie so ein kluges und kreatives Mädchen war. Nun  weinte sie laut und schluchzte so herzerweichend, dass ihre Eltern beschlossen, es  Antons Familie gleich zu tun.

 

„Etwas besseres als dieses Elend finden wir überall!“ riefen sie, packten schnell ihre Siebensachen und machten sich gemeinsam auf den Weg.

 

Nach ein paar Stunden Fahrt erreichten sie ein schönes Landgasthaus  und da sie alle tüchtigen Hunger hatten, beschlossen sie, dort einzukehren. Anton las Lisa gerade die Speisekarte vor, als sie auf der Wiese hinter dem Wirtshaus ein kleines Mädchen mit einem Laptop sitzen sahen. Sie liefen zu ihr und schauten eine Weile zu, wie sie online gegen 6 Erwachsene aus verschiedenen Ländern gleichzeitig Schach spielte, und nebenbei in fremden Sprachen mit ihnen kleine Nachrichten austauschte. „Wohin geht denn deine Reise?“ fragten Anton und Lisa neugierig. „Wir ziehen ins Land der Elche, denn hier geht es uns nicht gut. Die Lehrer wollen mich auf eine Schule für Kindern mit Lernprobleme schicken. Dabei ist doch mein einziges Problem, dass mich weder die Lehrer, noch die anderen Schüler wirklich verstehen. Im Land er Elche soll das anders sein, dort können alle Kinder gut lernen. Ich heiße übrigens Henriette Blitzgescheit.“

Schnell waren sich alle einig, dass sie zusammen weiter reisen wollten:

 

„Etwas besseres als dieses Elend finden wir überall!“ riefen sie und machten sich gemeinsam auf den Weg.

 

Neben dem Rasthaus trafen die Drei noch ein paar andere Kinder, die auf dem kleinen Spielplatz herumtollten und sehr glücklich ausschauten. „Hallo, wollt ihr nicht mitspielen?“ riefen sie freundlich.

Henriette, Anton und Lisa liefen schnell zu den Mädchen hinüber und erzählten von ihren Plänen. „Das ist ja ein toller Zufall!“ freute sich die älteste der vier Schwestern. „Ich heiße Heidi Schulfrei und bin mit meiner Familie auch unterwegs ins Land der Elche, weil es in unserer Stadt so seltsame Menschen gibt, die darüber bestimmen wollen, wo wir lernen, dabei wissen die gar nicht, wie schlecht es uns in der Schule ging und wie prima wir zu Hause, in unseren Lerngruppen und Kursen voneinander und miteinander lernen können. Ich freue mich riesig, dass wir das gleiche Ziel haben.“

 

„Etwas Besseres, als dieses Elend finden wir überall!“ sprachen sie, liefen zu ihren Eltern und machten sich gemeinsam auf den Weg.

 

 

Auf der Autobahn gerieten sie in einen laaangen Stau. Überall sahen sie Familien mit randvoll gepackten Autos und schweren Anhängern. Alle fuhren in die gleiche Richtung und alle hatten ihre Kinder dabei. Sie vertrieben sich die Wartezeit fröhlich und voller Vorfreude im Wäldchen neben dem Standstreifen.

Alle, bis auf einen kleinen Jungen, der sich die schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte und traurig unter einem Baum kauerte. „Mir ist jeden Tag schlecht und ich habe großes Bauchweh“, berichtete er den Kindern. „Die Ärzte wissen nicht warum das so ist, aber ich weiß es. Ich durfte nur nicht darüber sprechen, die Richter und die Lehrer haben es mir verboten. Doch ich weiß, was ich weiß und ich habe in der Schule schreckliche Dinge gesehen. Kinder werden dort angebrüllt und geschlagen, sie werden geboxt, getreten und eingesperrt, und wenn sie es erzählen, dann werden sie und ihre Eltern als Lügner beschimpft und bedroht. Das halte ich keinen Tag länger aus, und deshalb ziehen wir jetzt ins Land der Elche. Meine Eltern denken, dass ich dort wieder gesund werde, weil dort alle Kinder gut behandelt werden und ohne Angst lernen können.“

Die Kinder trösteten Kai Verhaun  und luden ihn zum Spielen ein. So bekam der Junge endlich wieder Mut, freute sich auf die Reise und die neue Schule im Land der Elche.

 

„Etwas besseres als dieses Elend finden wir überall!“ riefen sie voller Vorfreude.

 

 

Der Stau löste sich auch nach vielen Stunden nicht auf, im Gegenteil, er wurde immer länger. Im Verkehrsfunk hörte man, dass die Autobahnen vom tiefsten Bayern bis nach Berlin verstopft waren. Selbst auf den Zubringern und Landstraßen stand man Stoßstange an Stoßstange. So konnte es nicht weitergehen.

 

Während sie warteten,  hatten sich die vielen, vielen Eltern unterhalten und festgestellt, dass sie alle die gleichen Ziele und Wünsche hatten. Alle Welt sollte jetzt erfahren, warum die Kinder und Eltern ihr Land verließen, und wer dafür verantwortlich war, darüber herrschte schnell Einigkeit. Alle sollten erfahren, dass in diesem Land täglich vieltausendfach gegen das Menschen Recht verstoßen und die Freiheit durch sture Beamten-Füße zertrampelt wurde.

 

Um sich die Wartezeit zu vertreiben, unternahmen ein paar Eltern eine Wanderung. Im Grunewald entdeckten sie mitten im tiefsten Dickicht ein unheimliches, altes Haus. Es sah aus wie eine Kaserne, rechteckig, grau und bedrohlich - nur in einem großen Zimmer im Erdgeschoss brannte noch Licht. Die Eltern schlichen sich zu den Fenstern und trauten ihren Augen nicht. Dort saßen all die Schulräte und Kultusminister des Landes und hielten eine geheime Krisensitzung ab.

 

„Dann sollen diese Querulanten und Störenfriede doch gehen!“

„Genau, wenn diese aufmüpfigen Spinner erst weg sind, geht es uns allen besser!“

„Dann wird wieder alles wie früher!“

„Schön!“

“Ja, das wird schön!“

 

In diesem Moment betraten die Sekretäre den Saal. Sie schleppten ächzend bergeweise Faxe, Briefe und E-Mails  herein, die sie auf dem riesigen Tisch aufstapelten, bis dieser unter der enormen Last in der Mitte einknickte und zerbrach wie ein Zündhölzchen.

 

„Was ist D A S  denn?“ frage der Vorsitzende der Konferenz entsetzt.

„Das sind die Schul-Abmeldungen, die wir in der letzten Woche erhalten haben.“ antwortete der Staatssekretär.

 

Die Schulräte sprangen auf: „Alles bedauerliche Einzelfälle!“  erschallte es im Chor.

„Die Kinder sind nur zu dumm!“

„Die nichtsnutzigen Eltern haben sie antiautoritär erzogen!“

„Die lügen alle wie gedruckt!“

„Kindern darf man sowieso nicht alles glauben, und ihren hysterischen Eltern schon gar nicht!“

„Wir verbrennen die Briefe am besten sofort im Hof und gehen zum Tagesgeschäft über!“

 

Dann tanzten sie um das riesige, lodernde Feuer und sangen:

„Ach wie gut, das niemand weiß, dass „Schulsystem“ hier UNRECHT heißt!“

 

Die Eltern, die all das mit ansehen und anhören mussten, waren kreidebleich geworden. Nun waren sie GANZ sicher, das Richtige zu tun. Sie liefen so schnell sie nur konnten weiter und glücklicherweise löste sich der Stau nun rasch auf und bald waren sie alle im Land der Elche.

 

Dort angekommen feierten Sie ein Fest, das drei Tage und drei Nächte dauerte. Die Kinder gründeten eine Band, die „Berliner Stadtmusikanten“ - jedes Jahr gaben sie an ihrem „Glückstag“, wie sie ihren Einreisetag tauften, ein Konzert bei der traditionellen „Drei-Tage-Feier“.

 

So lebten sie froh, glücklich und zufrieden im Land der Elche. Die Kinder wurden rasch wieder ganz  gesund und fröhlich; sie hatten von nun an riesigen Spaß am Lernen und am Leben.

 

Nur ganz selten, wenn sie schlimme Meldungen über ein aussterbendes Volk in einem kinderfeindlichen, rückständigen Land im Fernsehen sahen, gruselte es sie und sie dachten sie an ihre traurige Vergangenheit zurück.

 

„Eine gute Entscheidung, eine SEHR gute Entscheidung!“ dachten sie voller Erleichterung.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lernen sie noch heute.

 

 

 

Angelika Bachmann